Die ganze Welt ist eine Illusion

DaisyAngenommen, es geht einem schlecht und jemand lächelt einem zu? „Der hat überhaupt kein Einfühlungsvermögen.“ Angenommen, es geht einem schlecht und jemand macht eine grimmige Miene? „Der mag mich nicht.“ Und die meisten Menschen machen sowieso einen Fehler, dass sie alles auf sich beziehen. In Wahrheit reflektiert gerade jemand über Brahman, das kann im Ashram durchaus passieren, und man denkt: „Der ignoriert mich. Der mag mich nicht. Hat das, was ich vor drei Tagen ihm gesagt habe, krumm genommen.“ Aber in Wahrheit übersieht der einen gerade, so viele Menschen im Ashram. Oder angenommen, jemand kratzt sich hinterm Ohr. Vielleicht juckt es ihn einfach nur. Man denkt: „Was will mir der damit sagen, dass während er an mir vorbeigeht, sich hinter dem Ohr kratzt?“ Das kann richtig krankhaft werden, das ist der Solipsismus, das ist eine psychische Erkrankung, wo man alles, was ein anderer Mensch macht, auf sich selbst bezieht, vom Husten bis Kratzen usw. Und so gilt, als Jnana Yoga kann man sich bewusstmachen: „Die ganze Welt ist eine Illusion und ich konstruiere mir so noch eine zusätzlich Illusion.“ Es gibt das so genannte Atyaropa. Atyaropa heißt, das Konzept der Darüberstülpung. Ihr kennt dieses Beispiel von Schlange und Seil. Jemand geht nach Hause und sieht eine Schlange und kriegt es mit der Angst zu tun. Und in Wahrheit ist dort keine Schlange, sondern ein Seil. Man hat das Konzept der Schlange über das Seil drüber gestülpt, überlagert kann man auch sagen. Und so ähnlich, zuerst mal stülpen wir überhaupt das Konzept oder projizieren – Projektion ist vielleicht noch eine bessere Aussage für Atyaropa. Wir projizieren das Bild der Welt über Brahman und dann projizieren wir noch dazu unsere individuelle Welt über die allgemeine Welt und darin leben wir dann. Und so leben wir in unterschiedlichen Welten. Wenn wir Schnittmengen haben mit der Welt von anderen, dann können wir miteinander kommunizieren und dann ist menschliche Kommunikation einfach. Wenn die Schnittmengen geringer sind, dann nennt sich das Ganze schizophren und dann wird man in die Psychiatrie hineingesteckt. Aber derjenige, der schizophren ist, ist eigentlich nicht verrückter als wir, nur, er hat weniger Schnittmengen mit unserer Welt und damit weniger Menschen, mit denen er kommunizieren kann. Übrigens, eine moderne Behandlung der Schizophrenie versucht nicht mehr, den Schizophrenen davon abzuhalten, eine eigene Welt zu sehen, sondern man versucht, ihm beizubringen, mit anderen Menschen zu kommunizieren, und ihm beizubringen, was er anderen Menschen erzählen darf und was nicht, und sich auch bewusstmachen: „Die Welt, in der ich lebe, ist meine eigene Welt, andere haben eine andere Welt.“ Und vielleicht auch, sie als weniger bedrohlich zu erleben. Und dann darf man ruhig andere Sachen sehen und hören, das spielt keine Rolle.

Dies ist der 30. Beitrag zum Thema „Spirituelle Praxis“. Aus einer unbearbeiteten Mitschrift eines Sprituellen Retreats mit Sukadev Bretz im  Yoga Vidya Ashram Bad Meinberg. Mehr Informationen:

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