Nicht-Identifikation

1ebWenn man aber erkennt, „Mutter ist, wie Mutter ist“ und man wird sie vermutlich auch nicht ändern. Irgendwo in letzter Zeit bin ich vermehrt auf „Kinder“ gestoßen, die zwischen dem Alter von vierzig und sechzig sind, die mich um Rat bitten, wie sie ihre Mütter noch ändern, die meistens zwischen siebzig und neunzig sind. Das fand ich ein interessantes Konzept, zu hoffen, dass die Mutter oder Vater zwischen siebzig und neunzig sich noch ändert und das einsieht, was sie endlich einsehen sollte. Werden das Mütter tun in dem Alter? Sicherlich nicht, wenn Tochter oder Sohn sagt, das müsste sie tun. Auf eine gewisse Weise werden die sich noch ändern, aber nicht so, wie… Als Kind ist nicht die Aufgabe, die Eltern zu ändern. Umgekehrt aber auch, ich bin auch schon öfters auf „Kinder“ gestoßen, die versuchen, es den Eltern immer recht zu machen. Nicht nur im Sinne, zu versuchen, ihnen irgendwo beizustehen, sondern wenn die Eltern es nicht für gut finden, was man macht, dann finden sie das grässlich. Sie sind weiter ganz identifiziert und denken, ihre Aufgabe ist es, das zu tun, was Eltern mögen. Letztlich spielt es keine allzu große Rolle, wie Eltern denken, wie man sein Leben führt. Es gilt, es wertzuschätzen, dass Eltern es gut mit einem meinen und deshalb gute Gründe haben, Vorstellungen zu haben, wie Kind zu sein hat, und es gilt auch, wertzuschätzen, dass man selbst seinen eigenen Weg geht. Und die Eltern sind nicht dumm, wenn sie etwas denken, wie man zu sein hat, und man selbst ist nicht dumm, wenn man anderer Meinung ist. In diesem Sinne heißt Nicht-Identifikation, anzuerkennen: „Der andere ist ein eigenes Wesen, hat eigenständige Persönlichkeit, hat gute Gründe so zu sein, wie er oder sie ist, und ich selbst habe gute Gründe zu sein, wie ich bin.“ Und dann gilt es: „Wie können wir bei den Ebenen, wo man miteinander tatsächlich zu tun hat, miteinander wachsen?“ Das ist jetzt kein allgemeiner Beziehungsratgeber, aber es ist etwas vom Jnana Yoga Standpunkt aus. Nicht-Identifikation hier heißt eben: „Mein Glück hängt nicht vollständig ab von einem konkreten Menschen, insbesondere hängt es nicht davon ab, wie ein anderer sich verhält.“ Könnt ihr damit etwas anfangen? Ob es möglich ist, dass Eltern vollständig nicht identifiziert mit ihren Kindern sind, ich weiß es nicht, mir ist noch kein Elternteil begegnet, der keine Verhaftung an das Kind hätte. Und ob es wünschenswert wäre… Aber weniger verhaftet zu sein mit dem Kind und nicht identifiziert zu sein mit dem Kind würde heißen eben, nicht ein genaues Bild zu haben, wie das Kind sich zu entwickeln hat, und keine Erwartung zu haben, wie das Kind zu sein hat, keine Erwartung haben, wie das Kind anschließend die Dankbarkeit zurückgeben sollte, sondern dort loslassen. Was aber auch nicht heißt, das Kind einfach nicht zu erziehen. Auch eine Nicht-Erziehung ist eine Erziehung. Manchmal spreche ich auch mit Eltern, die sagen, sie überlegen, ob sie dem Kind das Yoga beibringen oder nicht, aber das Kind soll selbst entscheiden, deshalb wollen sie ihm lieber kein Yoga geben und nicht über Gott sprechen und nicht mit dem Kind beten. Ist das eine neutrale Erziehung? Nein, es ist eine atheistische Erziehung. Das Kind wird erzogen zum Atheisten. Man kann nicht Nicht-Erziehung machen. Und letztlich kann man entscheiden, man kann sagen: „Das Kind oder die Seele, die schon tausend Inkarnationen hatte oder Millionen Inkarnationen hatte, hat sich jetzt entschieden, sich durch mich zu inkarnieren oder uns beide zu inkarnieren.“

Dies ist der 12. Beitrag zum Thema „Spirituelle Praxis“. Aus einer unbearbeiteten Mitschrift eines Sprituellen Retreats mit Sukadev Bretz im  Yoga Vidya Ashram Bad Meinberg. Mehr Informationen:

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